Wenn der Unterricht die Sinne anspricht…

25 E-Klässler, die aufmerksam bei der Sache sind, den Arm strecken und diszipliniert warten, dass sie drankommen. Jeder Lehrer wäre begeistert. Aber heute werden die Kinder aufgefordert, den Arm unten zu lassen und in die Klasse zu sprechen. Ihre Lehrer können nicht sehen, dass sie sich melden, sie sind blind. Vom 20. bis 22. Mai war das Blinden-Team von aus:sicht mobil in der Leinfeldener Schönbuchschule. Im Rahmen der Projekttage erlebten die 6-8 jährigen Schüler hautnah, wie schwierig es ist, wenn man kaum etwas oder gar nichts sieht.

Damit die Schönbuchschule die Projekttage durchführen konnten, haben wir sie mit einem finanziellen Zuschuss unterstützt. Mit unseren LED-Handlaufsystemen sorgen wir dafür, dass Menschen mit Behinderung ihren Alltag einfacher bewerkstelligen können. Deshalb ist es uns ein wichtiges Anliegen, die Kinder für das Thema zu sensibilisieren.

Zeitlich gesehen nahmen die Projekttage direkten und praktischen Bezug auf den Lehrplan. Erst in den Wochen zuvor hatten die etwa 75 Schüler in den drei E-Klassen die menschlichen Sinne durchgenommen. Mit Dunkelbrillen und stark eingeschränkter Sehfähigkeit erlebten sie nun, wie es ist, wenn ihnen ein Sinn fehlt und sie sich auf Gehör und Tastsinn verlassen müssen.

Die leichte Aufgabe „geh mal um den Tisch und setz dich an deinen Platz“, fiel den Schülern nun gar nicht mehr so leich. Es kann allein schon eine Herausforderung sein, sich überhaupt auf das Blindsein und die Dunkelheit einzulassen, auch wenn es nur für kurze Zeit und unter Aufsicht ist. Bei den Projekttagen vor zwei Jahren gab es Kinder, die Angst hatten und sich nicht getraut haben, die Dunkelbrille und Maske aufzusetzen.

Dieses Mal waren die Kinder alle sehr neugierig und haben ausnahmslos mitgemacht. „Mit der Brille ist es ganz anders als nur die Augen zu schließen“, stellte eines der Mädchen fest. Mit stark eingeschränkter Sehfähigkeit versuchten die Kinder verschiedene Dinge zu erkennen, Gerüche zu erraten und sich im Raum zu bewegen, ohne die Orientierung zu verlieren. Nachdem sie in den Gebrauch von Blindenstöcken eingewiesen waren, ertasteten sie sich ihren Weg mit diesem Hilfsmittel. Wobei auch ein bisschen geschummelt wurde.

Großes Interesse weckte natürlich die Blindenschrift. Noch mal ganz neu und anders schreiben lernen? Eine aus:sicht Mitarbeiterin schrieb die Namen der Kinder mit Hilfe einer Brailleschrift-Maschine auf Karten, die sie behalten durften. Besonders die Kinder der ersten Klasse, die das Schreiben frisch erlernt hatten, waren beeindruckt. Wieder etwas, das sie nicht lesen können und wieder viel zu schwer – ganz wie am Anfang der ersten Klasse.

Natürlich wurden auch allerlei Fragen an die blinden Teammitglieder gestellt. Was sie für Hobbys haben (wandern und reisen) oder ob sie Licht erkennen können (ja). Außerdem kam heraus, dass Blinde in der Öffentlichkeit nicht gerne Sachen anfassen, weil sie nicht wissen, ob sie sauber sind oder ob von ihnen eine Verletzungsgefahr ausgeht. Die Kinder hatten einen spannenden Tag mit vielen neuen Eindrücken und Erfahrungen.

Wir finden, es ist gut in die Haut eines anderen zu schlüpfen, um der Welt offen und urteilsfrei zu begegnen!

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Blindenprojekttage an der Schönbuchschule

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